„Ich würde es jederzeit wieder so machen!“

Pausenaktion einer mutigen Verkäuferin in Thüringen

In Thüringen setzte die Verkäuferin einer Bäckereifiliale ein Zeichen für ihren Anspruch auf eine Mittagspause. Für den Bäcker-Knigge haben wir sie interviewt.

.........................................................

Das Gesetz schreibt eine 30-minütige Pause nach 6 Stunden Arbeit vor. Christina, Du hast mit einer solchen Pause ein Signal gesetzt. Du hast diese genommen und dazu einen Zettel ausgehangen. Wie kam es dazu?

Als ich bei dem neuen Arbeitgeber anfing, erzählten mir gleich Kollegen: sich eine Pause zu gönnen, sei eine Ausnahme. Die hatten dieses stillschweigend geduldet und nur untereinander geschimpft. Schon ein Toilettengang ist kaum möglich. Mich erzürnte, dass immer ab einer Arbeitszeit von mehr als 6 Stunden eine Pause von 30 Minuten abzogen wurde. Die Aktion entstand dann spontan. Aber es waren nicht die fehlenden Pausen allein, weshalb ich mich dazu entschloss, sondern auch andere Ungerechtigkeiten.

Welche Ungerechtigkeiten waren das?

Zum Einstellungsgespräch wurde mir gesagt, man sei bei Fragen jederzeit für mich da. Aber das war nicht so. Es war sehr schwierig, einen Termin zu bekommen. Eine wichtige Frage war ein freies Wochenende bei einem 6 Tagevertrag. Ein anderes Problem waren kurzfristige Schichtänderungen. Mein Hinweis, ich möchte gefragt werden, weil ich auch private Termine habe, wurde als FRECHHEIT bezeichnet. Ich müsse meine PRIVATEN Termine immer schriftlich einreichen, auch wenn sie in meiner Freizeit stattfinden. Unsere Schichtpläne wären NUR HINWEISE und nicht bindend. Nach einem Schreiben an Herrn Scherf, in dem es um eine Änderung der Pausensituation ging, erfuhr ich, dass auf Grund dieses Schreibens meine Kündigung beschlossene Sache sei. DAS war dann der Punkt wo ich mir gesagt habe, jetzt geh ich diesen Schritt, zu verlieren habe ich nichts mehr.

Welche Reaktionen habt ihr bekommen?

Wir hatten sehr viel positive Resonanz von den Kunden. Zum Teil gab es Dankesschreiben von Kunden und ehemaligen Mitarbeitern, dass ich das gewagt habe.

Auch unbezahltes Vorarbeiten ist ein Thema. Wie seid ihr damit umgegangen?

Die reguläre Arbeitszeit in der Frühschicht beginnt um 6:00 Uhr. Bis zum Öffnen des Geschäftes um 7:00 Uhr hat man also eine Stunde Zeit. Da muss der Kuchen in die Auslage, ein Teil der Brote ins Regal, anderes fertig gebacken werden. Ebenso zahlreiche Brötchen. Mit Preise stecken schafft man es an "normalen" Tagen. Aber an Tagen, die zum Wochenende gehen, kaum noch. Dazu werden von uns im Schnitt noch 40 Semmeln selbst belegt. Da all das in der normalen Zeit nicht zu schaffen ist, haben die Kollegen und ich morgens zwischen 5.20 Uhr und 05.30 Uhr angefangen. Unentgeltlich! Arbeiter und andere Kunden möchten morgens dieses Angebot und wir wollten die Kunden nicht enttäuschen. Eine Woche vor meiner Entlassung habe ich aber gesagt: Das geht so nicht weiter, es ist ja auch versicherungstechnisch riskant. Die Kunden habe ich mit einem Schreiben informiert, dass wir nicht mehr morgens eher anfangen und daher das Sortiment beschränkt ist. Gegen jede Erwartung haben uns die Kunden gelobt und hatten volles Verständnis dafür.

„Die Kollegen sind superfleißige Bienchen. Sie haben eine bessere Behandlung verdient. Denn sie machen mit den Bäckern zusammen das Unternehmen stark.“

Deine Probezeit ist nicht verlängert worden. Wie gehst du damit um?

Ich habe sehr gerne meine Arbeit getan und wurde auch schnell von den Kunden angenommen. Leider nicht von meinem Arbeitgeber. Ich habe das faire Gespräch gesucht, um Dinge abzuklären, die für mich und andere selbstverständlich sind. Leider hat man mir keine Chance dazu gegeben, mich eher als Querulant bezeichnet und die Fehler des Unternehmens auf mich projiziert. Schade, denn die Produkte sind gut, die Läden sauber und hell. Und die Kollegen, die ich kennen lernen durfte, sind superfleißige Bienchen, die eine bessere Behandlung verdient haben. Denn sie sind es, mit den Bäckern zusammen, die das Unternehmen stark machen. Ich suche mir für die letzten Jahre meines Berufslebens eine neue Perspektive. Auch wenn ich meine lieben Kollegen und meine super Kunden vermissen werde, ich würde es jederzeit wieder so machen. 

Warum ist für dich Gewerkschaft nötig?

Die Gewerkschaft brauchen wir, um den Beschäftigten zu helfen, die in Unternehmen ihr Bestes geben, aber schlecht behandelt und ausgenutzt werden.Nur mit Hilfe der Gewerkschaft und vielen Mitgliedern können wir etwas bewegen und den Unternehmen zeigen, dass nicht alles geht, was sie glauben. Dazu zählt auch die relative schlechte Bezahlung knapp über dem Mindestlohn bei einer Arbeit, die viel abverlangt.

Dieses Interview wurde zuerst im Bäcker-Knigge veröffentlich. Zur aktuellen Ausgabe des Bäcker-Knigges geht es hier. Wer den Bäcker-Knigge in Zukunft bequem nach Hause bekommen möchte, schreibt einfach eine Mail an lbz.ost@ngg.net