Streikwoche bei Aryzta in Eisleben und Nordhausen! ARYZTA-Beschäftigte wollen weg von Armutslöhnen

03. August 2021

Beschäftigte bei Aryzta in Nordhausen

Mit großer Beteiligung und Entschlossenheit hat am Montag ein Streik der Beschäftigten des ARYZTA-Konzerns in Nordhausen begonnen. Die Arbeitsniederlegung in den Morgenstunden legte die Produktion von Europas größten Tiefkühlbackwarenproduzenten am Thüringer Standort komplett lahm. Der Arbeitskampf startete um 4.30 Uhr und wird zunächst bis 14.30 Uhr fortgeführt.

Am größten deutschen Unternehmensstandort in Eisleben legten am Dienstag ab 4.30 Uhr die Beschäftigten der Nachschicht und anschließend die Beschäftigten der Frühschicht die Arbeit nieder. Und auch am Mittwoch traten die Beschäftigten in Eisleben erneut in den Warnstreik. Vor dem Werk versammelten sich über 200 Beschäftigte und machten ihren Unmut über die festgefahrenen Lohnverhandlungen deutlich.

Auch am dritten Tag in Folge haben Beschäftigte beim Tiefkühlproduzenten ARYZTA die Arbeit niedergelegt. Betroffen vom Warnstreik ist erneut der größte deutsche Unternehmensstandort in Eisleben. Über 200 Beschäftigte der Werke 6 und 7 versammelten sich vor dem Tor, anstatt die Arbeit anzutreten. In der größten Streikwelle der Firmengeschichte von ARYZTA in Deutschland legten Montag bereits die Beschäftigten im thüringischen Nordhausen die Arbeit nieder, gestern folgten die Kolleg*innen in Eisleben.

Dass die Beschäftigten bei ARYZTA bereits den dritten Tag in Folge in den Warnstreik treten, zeigt ihre Wut über das Agieren der Arbeitgeber. Warme Worte der Anerkennung zahlen weder heute die Miete noch sorgen sie im Alter für eine Rente, die zum Leben reicht“ so Jörg Most, Geschäftsführer der NGG.

„Ich hoffe die Arbeitgeber haben das Signal der letzten drei Tage verstanden. Die Kolleginnen und Kollegen sind nicht bereit, weiter für Niedriglöhne zu schuften. Entweder die Arbeitgeber lenken ein und kommen mit einem vernünftigen Angebot an den Verhandlungstisch zurück, oder die Streiks werden ausgeweitet. Dass die Beschäftigten bereit sind zu kämpfen, haben sie eindrucksvoll unter Beweis gestellt“ so Most abschließend.

Aufgerufen hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sie fordert einen Tarifvertrag für armutsfeste Löhne. Derzeit erhalten viele Beschäftigte für ihre anstrengende Arbeit in einem 3- oder 4 Schichtsystem nur einen Stundenlohn 10,81 Euro. Die Gewerkschaft NGG fordert die unterste Lohngruppe auf mindestens 13 Euro anzuheben und die anderen Lohngruppen ebenfalls entsprechend nach oben anzupassen.

„Der Frust steckt tief bei den Beschäftigten über die Lohnsituation. Der Druck, etwas zu ändern, ist enorm. Deshalb beteiligen sich auch so viele. Arm trotz Arbeit und später im Alter Flaschen sammeln? Das wollen viele nicht mehr hinnehmen. Auch für andere Standorte des Konzerns in Ostdeutschland bereiten wir Arbeitskampfmaßnahmen vor“, sagt Gewerkschaftssekretär Alexandru Zidaru von der NGG in Thüringen.

„Die Zeit ist reif. Daran lassen die Beschäftigten heute kein Zweifel. Wir brauchen Löhne, von denen die Beschäftigten heute und später im Alter nicht in Armut leben. Und die Kolleginnen und Kollegen sind auch bereit länger zu streiken, wenn nötig“, kündigt Jörg Most, Geschäftsführer der NGG Leipzig-Halle-Dessau, an.

Der Gewerkschafter verweist darauf, dass in westdeutschen Betrieben deutlich höhere Löhne gezahlt werden. Das muss auch an den Standorten in den neuen Bundesländern möglich sein, denn hier wird keine andere Arbeit geleistet. In den neuen Bundesländern gebt es für andere Backwarenproduzenten bereits den Flächentarifvertrag Brotindustrie Ost. Dort liegt die unterste Lohngruppe derzeit bei 13,40 Euro in der Stunde. Schritte dorthin will die Lebensmittelgewerkschaft NGG mit einem neuen Tarifvertrag auch für die ARYZTA-Werke in Eisleben und Nordhausen machen.

Laut der Bundesagentur für Arbeit lag 2020 die bundesweite Niedriglohnschwelle für Vollzeitbeschäftigte bei 2.284 Euro im Monat. Das entspricht bei einer 40-Stunden-Woche einem Stundenlohn von etwa 13 Euro. Soviel sind auch nötig, um als Single bei Vollzeitarbeit eine Rente oberhalb der Grundsicherung zu erhalten.

Hintergrund:

In den ostdeutschen ARYZTA-Werken arbeiten derzeit über 1.800 Beschäftigte, davon 160 in Nordhausen und knapp 1.700 in verschiedenen Werken in Eisleben. In den Werken werden Tiefkühlbackwaren für Lidl, ALDI, EDEKA und andere Handelsketten produziert sowie die Gastronomie und Bäckereien.

ARYZTA ist nach eigenen Angaben mit 53 Großbäckereien in 29 Ländern und weltweit etwa 19.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines der größten Bäckereiunternehmen der Welt und europäischer Marktführer für Tiefkühlbackwaren. In Deutschland arbeiten mehr als 3.000 Menschen für das Unternehmen und produzieren 5.000 verschiedene Backartikel. Täglich werden nach Angaben des Unternehmens 10 bis 15 Millionen Produkte hergestellt. In den alten Bundesländern gibt es den Standort in Gerolzhofen (Bayern).

In der letzten Tarifverhandlung für die ostdeutschen Standorte Eisleben und Nordhausen am 19. Juli 2021 konnte kein Ergebnis erzielt werden. Das war bereits der vierte Verhandlungstermin.