Warum die Nährmittelindustrie im Osten armutsfeste Löhne braucht Tarifverträge sind keine Almosen

03. September 2021

Im Interview mit der Mitteldeutsche Zeitung behauptet der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Ernährungswirtschaft, Vehid Alemić, dass sich die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) geweigert habe, die Tarifverhandlungen fortzusetzen. Die Tarifkommission der NGG, bestehend aus Beschäftigten der Betriebe der Ernährungsindustrie und Hauptamtlichen Gewerkschaftssekretären, ist mit der Forderung in die Tarifrunde gegangen, die Löhne an das Niveau westdeutscher Schwesterbetreibe anzupassen. Außerdem sollte keine Lohngruppe mehr unter 12€ pro Stunde verdienen. Es gab zwei Verhandlungsrunden mit dem Verband der Ernährungswirtschaft (VdEW). Bereits in der ersten Verhandlung machten die Arbeitgeber mit dem Satz „uns fehlt es an jeder Idee darüber zu verhandeln“ deutlich, dass sie nicht ernsthaft bereit sind, über die Forderungen zu sprechen. Dazu erklärt Uwe Ledwig, Vorsitzender der NGG im Osten und Verhandlungsführer für die Ernährungswirtschaft Sachsen-Anhalt:  

Noch immer - 30 Jahre nach dem Mauerfall - betragen die Lohnunterschiede zu westdeutschen Schwesterbetrieben oder vergleichbaren Branchen mehrere hundert Euro im Monat, bei gleichzeitig zwei Stunden längerer Wochenarbeitszeit. Die Mauer aus Beton stand 28 Jahre. Die Lohnmauer steht noch immer und wird von Verbandsvertretern wie Herrn Alemić schöngeredet und legitimiert.

Wenn die Arbeitgebervertreter von überproportionalen Erhöhungen sprechen, ist das eine Farce.  Erhöhungen von drei oder vier Prozent, für die sich Herr Alemić selbst feiert, verringern die Lohnlücke zwischen Ost und West nicht. Aktuell besteht beim bekannten Brezel-Produzenten Ditsch aus Oranienburg-Wörlitz eine Lohndifferenz von 854€ zum Tarifvertrag der Brotindustrie Ost – von den Tarifverträgen im Westen müssen wir hier gar nicht sprechen. Dort wurden im Übrigen auch nicht die großzügig von Herrn Alemić erwähnten 3,75% mehr gezahlt, sondern nur 2,5 zum 1.Juli 2021. Konservativ gerechnet braucht es bei angenommenen Steigerungen von jährlich 2% mehr für Brot Ost (entspricht derzeit rund 64€) und 3,5% milder Gabe des Herrn Alemić (entspricht 82€) „nur noch“ 47 Jahre bis die Lohnmauer fällt, wobei es die zum Ost-Tarif ist! Ich glaube es erübrigt sich zu fragen, warum wir uns „verweigert“ haben. Die Lohnmauer muss fallen, mit größeren Steinen als die Kleinstkiesel der Herren Alemić und Co!!!

Die NGG im Osten steht für den Kampf für armutsfeste Löhne. Wir brauchen Tariflöhne, die heute zum Leben reichen und später vor Altersarmut schützen. Unser Ziel ist es, Niedriglöhne einzudämmen. Die untersten Lohngruppen des Tarifvertrags Ernährungswirtschaft Sachsen-Anhalt wurden bereits vom Mindestlohn eingeholt. Auch mit der jetzt angekündigten Arbeitgeberempfehlung, 3,75% mehr zu zahlen, liegt sie bereits im nächsten Januar wieder unter dem gesetzlichen Mindestlohn. (Aktueller Stundenlohn in der untersten Lohngruppe: 9,35€ plus Arbeitgeberempfehlung von 3,75% = 9,70€)

Wir sind als Gewerkschaft nicht bereit, solche Armutslöhne tariflich zu fixieren und damit in die Friedenspflicht zu gehen. Angleichung und Lohngerechtigkeit ist unser Gebot der Stunde. Betriebe wie Teigwaren Riesa oder ARYZTA zeigen, dass es möglich ist. Ich hoffe, dass sich in vielen Betrieben Mutige finden, die diesen Weg auch gehen wollen. Als Gewerkschaft NGG stehen wir an ihrer Seite.